Bordwandhebehilfe

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Roland
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Bordwandhebehilfe

Beitrag von Roland » Mi 11. Nov 2020, 23:42

Hallo Leute,
normalerweise mache ich im Sommer zumindest eine Woche Urlaub mit dem Kat und im darauffolgenden Winter werden dann Dinge verbessert oder umgebaut, basierend auf den Erfahrungen des Urlaubs. Nicht so dieses Jahr, pandemiebedingt und aus anderen weniger erfreulichen Gründen, fiel der KatUrlaub leider aus. Daher war Zeit, mal die Dinge anzugehen, die noch auf der Agenda standen.
Nachdem mir im vergangenen Winter die hintere Bordwand fast mal auf den Kopf gefallen wäre (ich glaube, es ist anderen auch schon so ergangen) und ich dies nicht nochmal erleben wollte, musste eine Lösung gefunden werden.
Nun gibt es verschiedene Arten solcher Hebe- oder Öffnungshilfen, üblich an Baustellenfahrzeugen bzw. landwirtschaftlichen Anhängern etc. Meist sind diese mit außenliegenden Zugfedern realisiert. Ich wollte aber eine von außen zunächst nicht sichtbare Lösung. Nach ein bißchen Brainstorming mit unserem King of Blingbling Sebastian (nochmals Danke!) war die grobe Richtung vorgegeben.
Fertig sieht das Teil so aus:
IMG_2891.JPG
Bevor man überhaupt loslegt, muß man natürlich erstmal zumindest grob messen, mit welchen Gewichten bzw. Kräften zu rechnen ist. Eine tarierte Fußwaage mit einem entsprechend abgelängten Kantholz als Stütze ergaben bei 90° Öffnung der Bordwand (also in waagerechter Position) folgende Gewichte: außen, da wo man mit der Hand angreift, 35kg, und in 200mm Entfernung zum Drehpunkt (Scharnier) 95kg, bzw. etwa 950N. Warum 200mm? Als mögliche Anschlagpunkte an Runge bzw. Bordwand (BW) hatte ich mir ungefähr 200mm Abstand zum Drehpunkt ausgesucht, da hierdurch ein Federweg bzw. Seilweg von etwa 400mm von "geschlossen 0°" bis "geöffnet 180°entsteht und somit eine relativ kurze Zugfeder verwendet werden kann.

Nachdem nun die Meßgrößen bekannt waren, habe ich für mich einfach festgelegt, dass mir als "Hilfe" beim Heben eine Reduzierung des Gewichts um die Hälfte ausreicht. D.h., außen würden bei 90°Öffnung anstelle der 35kg etwa 17,5kg wirken. Für den Anschlagpunkt an der BW bei 200mm zum Drehpunkt ergeben sich dann etwa 47kg. Also brauchte ich eine Zugfeder, die 400mm Federweg (von geschlossen bis 180° geöffnet) mitmacht, und bei 200mm Federweg (90°Öffnung) rund 47kg oder ca. 470N hält/zieht. Man findet die passende Feder dann unter Berücksichtigung der sog. Federrate (Kraftzunahme pro Weg in N/mm). Verbaut habe ich eine handelsübliche Garagentorzugfeder mit den Daten 6,0x50x465 und einer Federrate von 2,4N/mm. Also Federstahl 6mm, 50mm Durchmesser und 465mm Länge (unbelastet). Die Feder hat eine Maximallänge von 483mm, heißt mit meinen 400mm Federweg bleibe ich gut unter der Überdehnungsgrenze. Bei 90°Öffnung und somit etwa 200mm Federweg erhalte ich 200mm x 2,4N/mm = 480N oder 48kg. D.h., die Feder nimmt in etwa die Hälfte der gemessenen 95kg in der 90°Position auf, so wie gewollt.

Die Feder selbst ist in einem Schutzrohr mittels einer M16 Gewindestange befestigt, die Gewindestange selbst dient zur Vorspannung der Feder, dazu gleich nochmal mehr. Der Anschlagpunkt an der Runge ist aus 16mm Material gefertigt, mit einer M16er Schraube als Seilaufnahme. Beides relativ einfach herzustellen.
Richtig spannend war jedoch die Konstruktion des "Rollenscharniers" (RS).

IMG_3018.JPG
Es ist klar, dass bei der gewählten Anordnung von Feder und Anschlagspunkt an der Runge das Zugseil um 90° umgelenkt werden musste. Dies lässt sich natürlich schön durch Verwendung einer Seilrolle machen. Jedoch muß diese Rolle jeweils beim Öffnen oder Schließen der BW idealerweise eine 90° Bewegung mitmachen, wie auf den folgenden Photos zu sehen:
IMG_3026.JPG

IMG_3029.JPG
Zunächst habe ich mit 1:1 Holzmodellen experimentiert und schlussendlich die Teile aus 10mm Material auf der Bandsäge zugeschnitten, die mir mein Freund dann verschweißt hat. Die Rolle für 6mm Drahtseil hat einen größeren äußeren Rand, damit die Neigung des Seils, aus der Rolle zu springen minimiert wird, ferner gibt es ein gebogenes Führungsblech aus dem gleichen Grund. Die Rolle hat mir mein Freund auf der Drehbank hergestellt. Das Rollenscharnier selbst ist mit den (verlängerten) Schrauben des Verschlusshebels der BW befestigt.

Noch ein Wort zur (etwas zu lang gewordenen) Gewindestange und Vorspannung: dadurch, dass man die Feder im geschlossenen Zustand der BW mittels Gewindestange, sagen wir mal 5-7mm vorspannt, schließt sich die BW ab etwa 5° Öffnung von selbst und dies hat den weiteren Vorteil, dass sie auch bei geöffneten Verschlüssen geschlossen bleibt und niemandem auf den Kopf fallen kann!

Man darf sich jetzt natürlich nicht der Illusion hingeben, die Bordwand sei "mit 2 Fingern" rauf und runter zu bewegen! Es bleibt nach wie vor ein schweres Teil, jedoch kann sie ruhig und sicher mit einer Hand geöffnet und verschlossen werden, was vielleicht auch für die Damen der Fraktion attraktiv ist. Weiterhin kann sie einem - bei geöffneten Verschlüssen - nicht mehr auf den Kopf fallen.... dies verhindert nicht die gallische Sorge, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt, aber zumindest nicht die Bordwand!

Euch allen weiterhin viel Spass und bleibt gesund

Roland

P.S.:
- ein paar andere Kleinigkeiten habe ich auch noch fabriziert, dazu die Tage mehr
- für die Spezialisten (ohne ihnen zu Nahe zu treten): ob jetzt meine Berechnungen mathematisch/maschinenbautechnisch elegant waren, ich besser mit Kräfteparallelogrammen oder Vektoren gerechnet hätte oder gar "Momente" gemessen habe ist unerheblich: das System ist aus groben Teilen gebaut, sicher und funktioniert und mehr geht für meine bescheidenen Fähigkeiten nicht... :D

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Zentralgestirn
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Re: Bordwandhebehilfe

Beitrag von Zentralgestirn » Do 12. Nov 2020, 00:28

Moin Roland,

schön zu sehen was aus unserem Brainstorming geworden ist. Das Scharnier für die Seilrolle ist smart. Gefällt mir.

Es freut mich dir ein wenig geholfen zu haben.

Grüße Sebastian

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A N D R E A S
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Re: Bordwandhebehilfe

Beitrag von A N D R E A S » Do 12. Nov 2020, 00:42

Hi Roland,

Idee und Ausführung sind mal wieder toll geworden! Mich begeistert vor allem, daß Du kleine aber nervige Probleme siehst und eine Lösung dafür findest, die auch noch von jedem realisiert werden kann und keine eigene Fabrik als Basis braucht.
A N D R E A S

AndreasE
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Re: Bordwandhebehilfe

Beitrag von AndreasE » Do 12. Nov 2020, 00:43

Roland,
es ist immer schon von deinen smarten Veredelungskunstwerken zu lesen. An dir ist ein Konstrukteur verloren gegangen. Wie hätten doch unsere KATzen nur ausgesehen, wenn du damals schon im Gemeinschaftsbüro anwesend gewesen wärst:-)

Wann fängt die Serienfertigung an ? (Frägt einer, der auch einmal einen Bordwandverschluß vergessen hat zuzumachen ....)

Liebe Grüße,
Andy

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Re: Bordwandhebehilfe

Beitrag von fun-ski » Do 12. Nov 2020, 07:47

AndreasE hat geschrieben:
Do 12. Nov 2020, 00:43
Roland,
es ist immer schon von deinen smarten Veredelungskunstwerken zu lesen. An dir ist ein Konstrukteur verloren gegangen. Wie hätten doch unsere KATzen nur ausgesehen, wenn du damals schon im Gemeinschaftsbüro anwesend gewesen wärst:-)

Wann fängt die Serienfertigung an ? (Frägt einer, der auch einmal einen Bordwandverschluß vergessen hat zuzumachen ....)

Liebe Grüße,
Andy
Eigentlich nichts hinzu zu fügen, dein Blick für die Details finde ich einfach schön und mit Liebe umgesetzt
Danke das du uns teilhaben lässt :clap: :clap: :clap:
wer Rechtschreibfehler findet darf Sie behalten!
Gruß
Dirk

Dvst4r
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Re: Bordwandhebehilfe

Beitrag von Dvst4r » Fr 13. Nov 2020, 09:07

Eine wirklich coole Konstruktion! :)

Gruß

David
Gruß David

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